Rauch aus Krematorium in Thailand

Papa Hollands Füße

Eine Kurzgeschichte aus Thailand inspiriert von wahren Ereignissen. Diese sind am Ende der Geschichte beschrieben.


Obwohl die Sonne erst eine Stunde zuvor über dem Berg aufgegangen war, nahm die Hitze auf dem offenen Platz stetig zu. Die kühle Brise vom Meer linderte nur wenig. Die meisten Thais drängten sich im wenigen Schatten zusammen, den die paar Kasuarien-Bäume boten. Der blasse Schotte mit den netten Sommersprossen hatte seinen Schirm aufgespannt. Ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft. Kalte Asche und frisch geschlagenes Holz mischten sich mit Kampfer und Kräutern.

Das Auffallendste aber war das betretene Schweigen unter den Gästen am Krematorium auf Koh Jum. Alle starrten auf Papa Hollands bleiche Füße, die weit aus dem Ofen herausragten.

„Schuhgröße 45, genau wie ich“, dachte Cees. Sein Bruder, der da lag, hatte die gleichen Schwierigkeitenwie er selbst gehabt, passende Flip-Flops zu finden. Dabei waren diese billigen Einheitsschuhe in Thailand so praktisch. Vor jedem Zimmer, vor jedem Tempel, ja sogar vor vielen Läden musste man seine Schuhe ausziehen, um nicht unhöflich zu gelten.

Cees hatte seinen Bruder vor kurzem – war das wirklich erst 3 Wochen her? – hier auf Koh Jum besucht. Dessen Frau saß vor ihm in der ersten Reihe. Ebenfalls eine hochgewachsene Person. Die gute holländische Milch, sagten die Thais. Das und die holländischen Gene werden es wohl gewesen sein, dachte sich Cees. Er erinnerte sich gut, wie der „Phu Yai Baan“ – der Dorfvorsteher – zu ihnen aufschauen musste, als er schwärmte. „Dein Bruder hat letztes Jahr alle neuen Schulbücher für die Kinder im ganzen Dorf bezahlt. Und im Jahr zuvor hat er eine große Spende für den Tempel gemacht. Jetzt sieht der Torbogen am Eingang sehr einladend aus. Papa Holland ist ein großzügiger Mann.“

So nannte man die beiden seitdem sie vor 15 Jahren zum ersten Mal auf die Insel gekommen waren. Mama und Papa Holland. Die hochgewachsenen Holländer mit dieser von Thais so bewunderten hellen Haut waren hier wegen ihrer Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft sehr geschätzt.

Abendstimmung auf Koh Jum Andamansee mit Blick auf Koh Phi Phi
Abendlicher Blick auf Koh Phi Phi von Koh Jum aus

Der Phu Yai Baan stand jetzt vorne beim Ofen und schwitzte. Nur Menschen, die ihn gut kannten, bemerkten die Anspannung in seinem Gesicht. Was sollte er jetzt bloß tun? Papa Holland war vor drei Tagen gestorben. „Lom Chai“ – ein Herzinfarkt hatte der Arzt erklärt. Ein schneller Tod. Fast so gut, wie im Schlaf dieses Leben verlassen. Auf jeden Fall besser als auf See zu sterben und von den Fischen gefressen zu werden.

Ein Schauder lief dem Dorfvorsteher über den Rücken. Was tun? Er hatte sich mit Mama Holland besprochen. „Einverstanden“ meinte sie zu seinem Vorschlag. „Wir haben zwar nie darüber gesprochen, aber Papa Holland hätte sich sicherlich gewünscht, auf der Insel nach buddhistischem Brauch verbrannt zu werden.“ So hatten sie ihn reich geschmückt aufgebahrt, viel gegessen und getrunken, wie es Brauch war. Der Leichnam war in diesen 72 Stunden, während die Seele den Körper verließ, nie allein. Das waren sie ihm schuldig.

Es war reichlich trockenes Holz herangeschafft worden. Der Ofen war bereit. Viele waren gekommen, Bewohner wie Gäste, Thais wie Farang. Nun standen alle da und starrten. Er, der Phu Yai Baan, der sonst immer wusste, was zu tun war, suchte angestrengt nach einer Lösung. So ging das ja nicht. Was wäre das für eine Schande, wenn er das Holz entzünden würde und der Leichnam ordentlich verbrennen würde – aber die Füße übrig wären, weil sie aus dem Ofen herausragten? Er würde die wichtige Aufgabe übernehmen und die Asche und Knochenreste in der bereitgestellten Urne sammeln. Und die Füße? Was sollte er bloß mit den Füßen machen?

Er könnte … dachte er bei sich. Ja. Nur, was würden die Gäste denken? Es wäre eine einfache Lösung. Er suchte wie immer bei schwierigen Entscheidungen den Blick seiner Frau. Tatsächlich schaute sie ihn genau in diesem Moment an. Zweifelnd und zögernd genau wie er selbst.

Da lachte irgendwo ein Kind. Dieses helle, unschuldige Lachen löste schlagartig die Spannung. Als hätte es nur diesen winzigen Anstoß gebraucht, fingen die ersten Gäste auch an zu lachen. Erst verhalten, dann, als die Farang mit einstimmten, immer offener und lauter. Auch Cees musste mitlachen über diese skurrile Situation. Da würde er zuhause etwas zu erzählen haben. Wie schön, dass die Menschen in Thailand solch eine schwierige Situation so leicht meistern konnten.

Der Dorfvorsteher hatte erleichtert mitgelacht. Das war genau die Zustimmung, die er brauchte. Stolz richtete er sich auf. Jetzt konnte er seine Aufgabe in dieser Zeremonie beenden und dafür sorgen, dass der ganze Körper eingeäschert wurde.

Cees erbleichte. Nie, nie mehr im Leben würde er dieses Geräusch aus dem Kopf bekommen, diesen durchdringenden Laut von brechenden Knochen.


Nach einer wahren Gegebenheit auf Koh Jum Ende der 90er oder Anfang der 2000er.

Koh Jum ist eine kleine, lange vom Tourismus unberührte Insel bei Krabi an der Andaman-See. Der nördliche Teil – auch Koh Phu genannt – ist eher moslemisch, der südliche buddhistisch. Der Finne Penthi hat mir die Ereignisse ungefähr 2007 auf meiner damaligen Lieblingsinsel erzählt. Ich habe sie ein wenig ausgeschmückt.



Die wahrheitsgemäße Geschichte erzählt von einem, der dabei war

Als ich diese Kurzgeschichte auch auf Facebook veröffentlichte, hat sich Markus gemeldet. Er hat die Ereignisse auf Koh Jum selbst miterlebt und berichtet hier, wie das wirklich abgelaufen ist.

Ich finde das großartig, die wahren Ereignisse der Fiktion gegenüberstellen zu können. Herzlichen Dank an Markus!


Ich lernte Papa & Mama Holland bei meinem zweiten Besuch auf Koh Jum kennen. Damals wohnten sie noch im New Bungalow bevor sie ca. 2002 gegenüber der Schule in Ban Koh Jum ein Haus zur ständigen Miete gefunden haben. Über die ganzen Jahre hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt und die beiden besuchten mich sogar in Rheinland-Pfalz.

Morgens traf ich mich immer gegen 6.30 Uhr mit Willem bei Mama Cooking im Dorf zum Frühstück, wir gingen zusammen fischen und wir schnorchelten gemeinsam, um Schnecken zu sammeln. Mittags war es öfters der Fall, dass wir ein Bier zusammen getrunken haben. Manchmal kam ich erst nachts zu meinem Bungalow zurück.

Es war der 26. Februar 2006 als der Postbote Pong ins New Bungalow kam und uns die Nachricht überbrachte, dass Willem gestorben sei. Ein Schock, morgens saßen wir ja noch zusammen bei Mama Cooking. Als ich rüberkam an ihr Haus war da schon ein Auflauf an Menschen.

Es wurde geweint, aber es wurde auch viel gelacht und wie es manchmal so üblich ist, über die guten Zeiten mit Papa geredet. Es wurden sofort Mönche auf dem Festland bestellt, die zusammen mit einem Zeremonienmeister / Vorbeter gegen Abend auf die Insel kamen. Zeitgleich wurde auch der Sarg bestellt und hier war schon das erste Problem, denn Willem war groß und schwer. Diskussionen über die Sarggröße wurden geführt und die Öffnung am Krematorium wurde vermessen.

Die Mönche kamen und auch hier gab es wieder ziemliche Überraschungen. Aaf (Mama Holland) wollte, dass Willem so schnell wie möglich eingeäschert wird. Sie hatten übrigens schon lange davor festgelegt, dass sie auf der Insel bestattet werden wollten, wenn einer von ihnen sterben sollte.

Die Mönche legten die Einäscherung auf den 2. März fest, also 5 Tage später. Keine Chance es zu beschleunigen. Des Weiteren wurde das Alter von Willem von den Mönchen nicht akzeptier. Willem war 67, aber die Mönche meinten dies sei keine gute Zahl und beschlossen, dass er 69 Jahre alt geworden ist.

Den Ortsvorsteher, den du beschrieben hast, gab es nicht. Alles wurde vom Zeremonienmeister organisiert und schnell war ich als bester Freund von Willem sein Handlanger. Ich musste den Mönchen bei den täglichen Zeremonien das Essen, sowie die Umschläge mit dem Geld überreichen. Ich musste jeden Mittag zum Tempel, um ein frisches Bier vor den Sarg hinzustellen. Am Abend sollten wir alles tun, was Papa gerne tat und so wurde vor dem Sarg auch mal Karten gespielt und auch mal Whisky-Soda getrunken.

Am Tag vor der Einäscherung kam der Vorbeter zu mir und sagte, ich solle bitte die letzte Nacht bei Papa Holland am Sarg verbringen, da die Mönche meinten, dass Papa das so wolle. Gesagt getan. Auf den harten Fliesen, nur mit einer Strandmatte darunter, war die Nacht kurz.

Morgens begann dann die Verbrennungszeremonie. Es kamen viele Leute, auch die Schule mit vielen Kindern. Ich musste mit Papas Bild vor dem Sarg herlaufen und ich weiß nicht mehr, wieviel Runden wir um das Krematorium gedreht haben.

Als der Sarg dann hochgetragen wurde und vor der Ofentür stand, wurde es einigen klar, dass hier etwas nicht stimmte. Der Sarg war wenige Zentimeter zu breit. Kurzerhand wurden die Deckelverkleidungen abmontiert und die Seitenwände so eingedrückt, dass der Sarg in den Ofen passte. Die Länge war überhaupt kein Problem, sondern nur die Breite.

Auch hier wurde viel gelacht und selbst Aaf musste lachen und meinte zu mir, dass Willem das so gemacht hat und sich jetzt auch darüber kaputtlachen würde. Willem hatte immer einen Schalk im Nacken. Morgens um halb 4 Uhr musste ich dann helfen die Asche zu reinigen und Knochen herauszufischen. Die Asche verstreuten wir zusammen mit den Mönchen mit einem Boot zum Sonnenaufgang auf dem Meer vor Koh Jum.

Diese 5 Tage waren ein sehr intensiver Abschied und diese Tage haben mich auch geprägt. Ich habe schon öfters bei uns Beerdigungsreden gehalten, da manche nicht dazu in der Lage waren. Ich habe gelernt, dass es viel wichtiger ist, etwas für einen Menschen zu seinem Abschied zu tun, es für ihn zu tun, als sich in unserer angelernten Trauer zu suhlen.

Auf den Bildern zu sehen:
Das besser passende Alter von Papa Holland.
Papa Holland beim Angeln.
Markus mit Mama Holland und dem Vorbeter.
Der Sarg als er in den Ofen geschoben wurde.

Markus, von Thais wegen der schwierigen Aussprache einfach Makut genannt, hat übrigens auch den Tsunami auf Koh Jum miterlebt. Die Fotos dazu sind auf KohJumOnline.com zu finden.

3 Kommentare zu „Papa Hollands Füße“

  1. Die Idee mit den Füßen finde ich genial, auch wenn es in Wirklichkeit die Breite war. Auch die Art, wie es geschrieben ist, gefällt mir. So wurde mir erst nach einer Weile klar, was eigentlich das Problem des Dorfvorstehers war. Das war gut gemacht.

  2. Markus Tarneller

    Hallo Stefan,
    Danke für deine Geschichte, sie hätte so ja auch in Wirklichkeit passieren können. Wie man in meinen Erinnerungen lesen kann, gab es viele Situatonen, wo man auch Schmunzeln kann. Thaistyle eben.
    Vielen Dank für deine Geschichte, aber auch vielen lieben Dank, dass du die original Geschichte dazugenommen hast.
    Liebe Grüße Markus

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