Ladyboys – ein Phänomen in Thailands prüder Gesellschaft

Neulich war ich eingeladen auf einem Abschlussfest einer Schule in der Nähe von Mae Sai. Unter dem Motto „Night Meeting Pink and Blue Party“ konnte ich mir wenig vorstellen, aber ich sorgte dafür, dass ich ein strahlend blaues Shirt anhatte. Ich erwartete junge Leute in witzigen Verkleidungen in blau und pink. Schon der erste Blick in den Saal zeigte mir, dass es gar nicht um Verkleidungen ging. Die meisten Jungs hatten Anzüge an und die Mädels pinkfarbene Kleider. Alle waren mächtig herausgeputzt. Naja, da war ich wohl ein wenig underdressed.

Ich mag solche Veranstaltungen. Sie geben mir Einblick in die thailändische Gesellschaft. An diesem Abend waren es mal wieder die Ladyboys, die mich faszinierten. Das Fest erinnerte mich stark an die Schulabschlussfeiern meiner Töchter. Wird das Ende der Schule also genauso gefeiert wie in Deutschland? Im Prinzip schon, aber … mit einem kleinen Unterschied. Denn es gab zwar eine Bühne und eine Schülerinnentanzgruppe trat auf, aber auf der Bühne spielte nicht die Schulband, sondern sie diente vor allem für Karaoke und der Selbstdarstellung von Sängern, Tänzern – und eben auch Ladyboys.

Ladyboys – oder Kathoey, wie sie ihn Thai genannt werden – sind (eigentlich) Männer (zumindest von ihrer biologischen Herkunft), die sich in ganz unterschiedlichen Ausprägungen weiblich verhalten und kleiden. Das reicht von der Benutzung der weiblichen Form in der thailändischen Sprache über das Tragen von Frauenkleidern bis hin zu übertrieben femininen Bewegungen und Gestik. Letzteres kennen wir ihn Deutschland auch von den bekannten Transvestiten im Fernsehen und bei Kabarets. In Thailand ist das weniger eine Show als vielmehr normal. Da sieht man auch schon mal eine Mutter mit ihrem Ladyboy-Sohn einkaufen.

älterer Ladyboy (2)-sMir gefällt, dass die sexuelle Orientierung in Thailand nicht so auf Hetero fixiert ist und dass junge Menschen sich schon früh ausprobieren können, wo sie hin gehören. Ladyboys können normal leben, ohne sich verstecken zu müssen.

Auf dem Fest war also Selbstdarstellung angesagt – mit stolzieren auf Highheels, Karaoke und Tausenden von Selfies in verschiedensten Posen. Faszinierend dieser Hang zur Selbstdarstellung in einer sehr auf äußere Schönheit fixierten Gesellschaft. Und scheinbar dürfen die Ladyboys das überspitzt ausleben. Mir gefällt auch der Mut, nicht perfekt sein zu müssen, z.B. wenn man auf der Bühne singen will. Das führt dann schon häufig dazu, dass es ziemlich schräg klingt, was jemand beim Karaoke darbietet. Aber in Deutschland muss man doch schon perfekt sein, um sich erlauben zu dürfen auf einer Bühne zu stehen (mich freuen auch hier die Ausnahmen).

Übrigens scheinen die Ladyboys durchaus beliebt zu sein, denn sie sind witzig bis frivol, was offensichtlich sehr genossen wird in dieser prüden Gesellschaft. Denn außerhalb der großen Städten ist immer noch ein offener Austausch von Zärtlichkeiten bei Paaren nicht erlaubt und nur wenige junge Menschen trauen sich öffentlich Händchen zu halten. Allerdings haben es Ladyboys dann bei der Berufsauswahl nicht mehr so leicht. Ich habe zwar schon in allen möglichen Situationen Ladyboys erlebt, aber am häufigsten als Frisöre, in der Werbebranche oder als Verkäufer. Auch in einem Blumenladen habe ich mal ein Paar erlebt und im Fernsehen haben sie natürlich auch ihren Platz. Hat hier in Thailand schon mal jemand einen Ladyboy als Busfahrer erlebt? Ich nicht.

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