Auf nach Thailand! – Aber erstmal loslassen

Thailands Nationalfarben

Nun ist es soweit. Dieses Wochenende mache ich mich wieder auf nach Mae Sai, der nördlichsten Stadt Thailands. Nach 3 Monaten wunderschönen Sommer in Deutschland freue mich auf Baan Doi, die Kids und meine Freunde dort. Vor allem ist dies aber ein nächster großer Schritt auf dem Weg in diesem neuen Lebensabschnitt, den ich letztes Jahr begonnen hatte, als ich beschloss in einem Waisenheim in Nordthailand mitzuarbeiten, statt eine neue Stelle in einem Unternehmen anzutreten.

Mein Plan ist, die nächsten Sommer vor allem in Deutschland, bei meiner Familie und Freunden zu verbringen und als Outdoor-Trainer bei ZIP zu arbeiten. Den Großteil des restlichen Jahres möchte ich in meinem geliebten Thailand bei geliebten Menschen leben und weiter Baan Doi unterstützen. Um mir das leisten zu können, vermiete ich meine Wohnung und bau mir ein ortsunabhängiges Einkommen auf. Zu den Erfahrungen bei der Suche nach Möglichkeiten im Internet Geld zu verdienen, schreibe ich gerade an meiner Geschichte als eWorker, die es demnächst zu lesen gibt.

Bevor es aber wieder Richtung Nordthailand losgehen konnte, hatte ich schwere Wochen. Es war nicht nur die körperliche Arbeit meine Wohnung leer zu räumen und dabei so wenig wie möglich weg zu werfen. Das hatte ich in den Wochen zuvor schon gut vorbereitet. So konnte ich einige Möbel, Haushaltsgegenstände und sonstige Schätze bei meinem Wohnungsauflösungs-Flohmarkt verkaufen. Vieles brachte ich danach in die „Klamotte“, einem Laden, wo echte Bedürftige für sehr wenig Geld Kleidung und Haushaltsgegenstände kaufen können. Einfach ein schönes Gefühl. Den Rest habe ich eingelagert, für den Plan B, also den Fall, dass ich doch wieder permanent in Deutschland leben will oder muss.

Was ich unterschätzt hatte, war der emotionale Prozess des Loslassens. Fast 20 Jahre hatte ich in dieser Wohnung gewohnt, sehr gerne gewohnt. Dabei hatten sich viele „Schätze“ angesammelt, Dinge, die mir zu der Zeit viel wert waren. Das waren nicht nur in den Alpen gesammelte Steine oder in Afrika gefundene Hörner von Gazellen, auch Unterlagen aus den Anfängen meiner Erlebnispädagogik-Selbständigkeit und Fotos aus meiner Triathlon-Zeit – alles nahm ich in die Hand und entschied: verkaufen, wegwerfen oder einlagern.

Am letzten Tag in meiner Wohnung bin ich noch mal durch alle Räume gegangen und habe ihren Geschichten gelauscht. Ich schaute mir an, wo ich Räume abgeteilt, Wandschränke eingebaut und Böden verlegt hatte, sah vor mir, wie ich mit unseren Kindern gespielt habe, Türen aus Wut zugeschlagen habe und Liebe gemacht habe. Hier konnte ich mich zurück ziehen, wenn meine Arbeit bei der SAP oder später in der Selbständigkeit mal wieder viel von mir verlangte.

Abschiedsschmerz. Trauern. Normal und gesund. Und dann erinnere ich mich wieder an das einzige Gedicht, das mir wirklich etwas bedeutet:

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Danke Hermann Hesse für das wundervolle „Stufen“

8 thoughts on “Auf nach Thailand! – Aber erstmal loslassen

  1. Lieber Stefan, danke, dass Du uns an deinem“ Leben in Stufen“ teilnehmen lässt. Es ist ein ungewöhnliches Leben, jenseits von Festhalten und Ansammeln. Wir wünschen Dir Erfüllung bei Deiner sinn-vollen Aufgabe, viele gute Begegnungen und immer wieder: inneres Wachstum.
    Deine Barbara und Udo

  2. Lieber Stefan – viel Glück auf Deinem Trip nach Thailand. Versuche mal, Dich nicht mehr im Waisenheim indoor völlig vom PC vereinnehmen zu lassen. Wer outdoor liebt, sollte outdoor leben.
    Ich freue mich schon auf Deine Geschichten.

  3. Hallo Stefan,
    sehr bewegende Gedanken, die du hier mit uns geteilt hast. Oh ja, loslassen ist schwerer als es sich anhört. Aber zum Glück sind es ja nur die materiellen Dinge, die wir aufgeben. Die Gedanken und Erinnerungen und bleiben uns ja erhalten.
    Ich wünsche dir alles Gute für die kommende Zeit, die mit Sicherheit gefüllt ist mit neuen Erfahrungen, Herausforderungen und unterhaltsamen Geschichten für uns Blogleser :)
    Finde ich übrigens cool, dass dein Rad dich in den neuen Lebensabschnitt begleitet!
    VG aus Pai,
    Nadine

    Hier noch ein Spruch der mich in Zeiten des Loslassens begleitet hat:
    „Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können.“ (Anatole France)

    1. Hallo Nadine,

      herzlichen Dank für dein Feedback. Ja, du kennst dieses Loslassen auch, nicht wahr?
      Mein großes Ziel ist ja im hohen Alter auf einer Bank zu sitzen und auf ein erfülltes Leben zurück blicken zu können, all die gesammelten Schätze in mir tragen zu können und – da hast du vollkommen Recht – nicht als materielle Dinge besitzen zu müssen.
      Anatole France kannte ich übrigens noch nicht, musste ich erstmal googlen. Interessant.

      Herzliche Grüße über die Berge nach Pai
      Stefan

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